Karl Adam: Der Vater des Deutschland-Achters

1. Dezember 2012 | Von | Kategorie: Panorama

Nicht nur der Mündener Ruderverein erblickte 1912 das Licht der Welt, sondern auch der spätere „Ruderprofessor“ und Erfolgstrainer Karl Adam. Mit dem Gewinn der Goldmedaille bei den Olympischen Sommerspielen 1960 machte sich Adam unsterblich und auch der Deutschland-Achter wurde seit diesem „Wunder von Rom“, das Sepp Herbergers WM-Sieg von 1954 in nichts nachstand, zum nationalen Mythos der noch jungen Bundesrepublik. Während Berichte über Herbergers Geniestreich mittlerweile zu jeder passenden und unpassenden Gelegenheit über den Äther flimmern und auch schon im Kino zu sehen waren, sind wir über seinen Zeitgenossen Karl Adam bis heute verhältnismäßig schlecht informiert.

Diese Forschungslücke versuchen die beiden Sportjournalisten Dirk Andresen und Timo Reinke nun in ihrer umfassenden Adam-Biographie zu schließe. Auf mehr als 300 Seiten schildern sie die Geschichte eines Mannes, dessen Leidenschaft zunächst einmal dem Boxen galt und der in dieser Sportart 1937 sogar Studentenweltmeister im Schwergewicht wurde. Kritisch beleuchten die Autoren dabei auch Adams Rolle in der NS-Zeit und seinen Fronteinsatz bei dem er sich eine schwere Verletzung am Arm zuzog, die seiner eigenen Karriere als Leistungssportler ein vorzeitiges Ende bereitete.Nach dem Krieg wurde wurde der Mathematik- und Sportlehrer Adam dann 1948 an die Lauenburgische Gelehrtenschule nach Ratzeburg versetzt, wo er mehr zufällig zum Protektor der dortigen Ruderriege wurde.

Was nun folgte, ist eine beispiellose Geschichte eines Quereinsteigers und Querdenkers, der mit seinen Ideen und Methoden den Rudersport nachhaltig veränderte. Aus der Leichtathletik führte er das Intervalltraining im Rudersport ein und stieß die Vereinsbosse der etablierten Rudervereine mit der Gründung von Renngemeinschaften nachhaltig vor den Kopf. Doch als er am 3. September 1960 mit seinen acht Kohlenschippern die 40-jährige Vorherrschaft der US-Amerikaner in der Königsdisziplin des Ruderns brach, verstummten alle Kritiker. Adam bekam seine eigene Ruderakademie in Ratzeburg und feilte fortan auch an den Booten und Riemen, um noch bessere Ergebnisse zu erzielen. Auch als es 1964 in Tokio nur für Silber reichte, steckte Adam nicht auf und führte seinen Gold-Achter vier Jahre später in Mexiko erneut zum Sieg. Daneben zeichnete der seltsame Kauz, der immer mehrere Stoppuhren um den Hals trug, für weitere elf Siege bei Olympischen Spielen und Welt- und Europameisterschaften verantwortlich.

Damit lieferte Adam nicht zuletzt wichtige Bausteine für die (sportliche) Selbstwertfindung der damals noch jungen und zutiefst verunsicherten Bundesrepublik. Entsprechend präsentieren die beiden Autoren auch keine reine Personen-Biographie, sondern gewähren auch immer wieder reiche Einblicke in das oftmals eng miteinander verzahnte (ruder-)sportliche und politische Geschehen im Nachkriegsdeutschland.

Dirk Andresen/ Timo Reinke: Karl Adam. Der Vater des Deutschland-Achters, Ratzeburg, Verlag Auditex 2012, 320 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag, zahlr. Abbildungen, ISBN 978-3-00-038151-5, € 24,95.