Geschichte

Zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts bestand in Münden kein Mangel an Rudervereinen. Neben dem 1905 gegründeten Gymnasial-Ruderverein (GRVM) unterhielten auch einige studentische Verbindungen sowie der akademische Sportverein der Forsthochschule eine Ruderriege in der Dreiflüssestadt, und selbst der Militärsportverein „Gneisenau“ verfügte über zwei Ruderboote.

Dennoch fanden sich am 9. Mai 1912 acht junge Lehrlinge und Kaufleute auf Anregung von Ewald Kunth zusammen, um den Mündener Ruderverein (MRV) zu gründen. Kunth selbst hatte vorher im GRVM gerudert, sodass sich einmal mehr die Frage nach den Ursachen für diese Neugründung stellt. Hätten Kunth und seine Mitstreiter, die zum Teil auch Schüler des Mündener Gymnasiums gewesen waren, nicht im dortigen Verein rudern können? Heute wäre diese wohl ohne weiteres möglich, doch damals war es ihnen verboten. Kein geringerer als Kaiser Wilhelm II. (1859-1941), dem das Schülerrudern sehr am Herzen lag, hatte im Jahr 1898 eine Kabinettsorder erlassen, die das gemeinsame Rudern von Erwachsenen und Schülern untersagte.

Letztere durften lediglich unter Anleitung eines fachlich ausgebildeten Lehrers – dem sogenannten Protektor – in eigenen Schülerrudervereinen rudern, da der Kaiser eine negative Beeinflussung der Jugendlichen durch erwachsene Ruderer befürchtete. Folglich saßen selbst ehemalige Mitglieder des GRVM, die sogenannten „Alten Herren“, nach dem Abitur buchstäblich auf dem Trockenen, und es scheint daher nicht verwunderlich, dass mit Ewald Kunth ausgerechnet ein ehemaliges Mitglied des GRVM die Initiative für die Gründung des neuen Vereins ergriff, denn nur dadurch konnten Kunth und seine Freunde den ohnehin schon als elitär geltenden Rudersport auch weiterhin in Münden betreiben.

Eine erste Heimat fanden die jungen Männer im Bootsschuppen der Akademischen Ruderriege, der sich am linken Fuldaufer oberhalb der Hängebrücke befand. Noch im Sommer 1912 wurde ein erster Vierer angeschafft und auf den Namen „Wilhelm II“ getauft, zwei Jahre später folgte der Zweier „Hansa“. In den Anfangsjahren unternahmen die Ruderer vor allem Wanderfahrten auf den drei angrenzenden Flüssen, die sie zum Teil bis nach Bremen, Eisenach und Kassel führten . Das Wanderrudern und die damit verbundene Sehnsucht nach gemeinschaftlichen Naturerlebnissen richteten sich ganz bewusst gegen die zunehmende Leistungsorientierung der industriellen Welt.

Doch schon zwei Jahre nach der Vereinsgründung musste diese Sehnsucht einer bitteren Realität weichen und in Folge des Ersten Weltkriegs kam der Ruderbetrieb in Münden fast völlig zum Erliegen. Erst im Sommer des Jahres 1919 wurde in einer Mitgliederversammlung die Neuorganisation geregelt und die offizielle Aufnahme des MRV in das Mündener Vereinsregister beschlossen. Der Bootspark wurde um noch einen Zweier erweitert, und erste Pläne für den Bau eines eigenen Bootshauses wurden diskutiert. Diese konnten bereits fünf Jahre später in die Tat umgesetzt werden, und 1924 begann die auf mittlerweile 30 Mitglieder angewachsene Gemeinschaft der Mündener Ruderer mit dem Neubau eines ersten eigenen Bootshauses am rechten Fuldaufer oberhalb der Schleuse auf dem heutigen Gelände der Firma Natermann.

Rudervereinen, die sich wie der MRV vor allem dem Wanderrudern verschrieben hatten, wurde zunächst die Aufnahme in den Deutschen Ruderverband (DRV) verwehrt, weil man dadurch eine „Proletarisierung“ des Rudersports befürchtete. Erst die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Folgen des Ersten Weltkriegs zwangen den DRV zu einer Lockerung seiner Zugangsregeln und im März 1925 trat auch der MRV dem Verband bei. Durch diese Aufnahme war der noch junge Mündener Ruderverein nun endlich auch zur Teilnahme an offiziellen Verbandsregatten berechtigt, sodass sich allmählich auch ein Rennbetrieb im Verein etablieren konnte.

Bis zum ersten Regattasieg sollte es jedoch noch 14 Jahre dauern: Erst im Jahr 1939 errang ein Vierer der freiwilligen Sportdienstgruppe der Hitlerjugend im MRV den ersten Sieg auf der reichsoffenen Gebietsregatta in Neuwied auf dem Rhein.

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