Voll, voller – Vogalonga!

31. Mai 2015 | Von | Kategorie: Wanderrudern

Mit dem Vierer quer durch Venedig, vorbei an prächtigen Palazzi und imposanten Kathedralen, an schlingernden Gondeln und winkenden Menschen…- ein unvergessliches Erlebnis!
Vier aus Hann. Münden machten sich auf zur Vogalonga 2015 – dem „langen Rudern“ durch die Lagunenstadt. Nach zwei Tagen Regen begann der Pfingstsonntag mit Sonne. Früh um 6.30 Uhr am Ruderclub in Mestre ließen wir die Boote zu Wasser und starteten unsere Fahrt über die Lagune – mit weitem Blick bis zu den Dolomiten. Über den Canale di Cannaregio ruderten wir durch die noch stille Stadt – nur wenige andere Boote waren so früh unterwegs. Wir bogen auf den Canal Grande ein und waren fast allein. Wunderschön! Die prächtigen Palazzi funkelten in der Morgensonne, das Wasser war glatt, nur langsam erwachte die Stadt. Viel zu früh waren wir kurz vor 8 vor dem Markusplatz – dem Startpunkt der Vogalonga, deshalb fuhren wir noch einmal den Canal Grande hinauf – keine gute Idee. Plötzlich kamen uns hunderte Ruderboote, Kanus, bunt geschmückte Drachenboote entgegen, so dass wir doch schnell wieder umdrehten und unweit der Kathedrale von San Marco warteten.

Dann – eine kurze italienische Ansprache über die Geschichte der Vogalonga, die 1975 als Protestfahrt gegen die vielen Motorboote in der historischen Stadt begann. Punkt 9 Uhr – ein Kanonenschuß von der Insel San Giorgio, ein kleines, schwarzes Wölkchen hoch am Himmel – der Startschuß für die Vogalonga! Die Glocken des Campanile von San Marco läuteten, 6000 Ruderer, Kanuten, Steh- und Liegepaddler starteten auf fast 2000 Booten zur 32-Kilometer-Rundfahrt. Viele bunt verkleidet, 20 oder mehr in einem Boot, mit Trommlern an Bord, mit Musik und Kopfkameras. Mitten im Gewühl – der Vierer „Otmar Schweitzer“ aus Ludwigshafen. An Bord: Jürgen Wenzel, Bärbel Wiethoff und Wilfried Kraft vom Mündener Ruderverein mit Michael Herbring und Markus Wolf von der Rudergesellschaft Heidelberg. Jürgen steuerte uns geschickt durch die Massen, kontrollierte das Tempo, fand die Lücken. Auf dem Weg zur Insel Burano zog sich das Feld etwas auseinander, so dass wir richtig rudern konnten. Immer im Blick – die vielen andern: große Gruppen rosa gewandeter Frauen in Drachenbooten, lustige Franzosen mit Lautsprechern an Bord, aus denen Chansons schallten, ein goßes, rotes Kanu namens „Resi“, muskelbepackte Männer, die stehend an ihren Rudern zerrten… Und – oje – ein vollbesetztes Kirchboot, halb gesunken in der flachen Lagune – offenbar war es zuvor mit einem anderen Kirchboot zusammengestoßen – Helfer waren schon da. Für uns ging es weiter – rund um die Insel Burano mit ihren bunten Häusern. Zwischen Burano und der Insel Mazzorbo legten wir an. Mittagspause. Im wunderbaren Sonnenschein länger als geplant, aber lecker und lustig. Auf der Weiterfahrt gen Venedig ging es quer durch die Glasbläserinsel Murano – auf den Brücken standen Menschenmassen und winkten.

Kurz vor Venedig – DIE Überraschung. Bei der Einfahrt in den Canale di Cannaregio das blanke Chaos: hunderte Boote versuchten, sich gleichzeitig unter der engen Brücke Tre Archi hindurch zu quetschen. Vergeblich. Tre Archi – das heißt: drei Bögen. Zwei der drei Bögen sind echt mickrig und von Dalben (Pfählen) und geparkten Motorboten blockiert und durch den mittleren Bogen passt gerade mal ein Ruderboot auf einmal. Davor stauten sich aber kreuz und quer die Boote – nichts ging mehr, von hinten wurde geschoben und gedrückt, das machte alles nur noch schlimmer. Schließlich sperrte die Polizei hinter uns die Einfahrt in den Kanal ab, vorne unter der Brücke schoben Taucher die Boote auseinander, hin und her. Und wir warteten – rund eineinhalb Stunden, die Sonne schien, die Arme wurden rot und röter, der Hintern schmerzte. Und wegen der Ausleger konnten wir noch nicht mal an der Kanal-Mauer anlegen – also: kein Kaltgetränk für uns… Nach einiger Zeit kam unser mitgereister Fan vorbei: Rita Kraft hatte schon lange auf uns gewartet, winkte und machte ein paar Fotos von uns und dem Chaos.   Endlich kamen auch wir an die Reihe. Zwar versuchten immer wieder andere Ruderer, sich noch an uns vorbei zu quetschen und damit einen neuen Stau zu produzieren, aber wir konnten sie wegschieben, so dass wir schließlich in einer langen Schlange, einer nach dem anderen unter der Brücke hindurch glitten. Als wir auf den Canal Grande einbogen, war der brechend voll, noch voller war es an der Medaillen-Abholstelle – wieder Gedränge und Geschiebe. Und kaum waren wir an der Anlegestelle „Salute“ vorbei – an der wir persönlich mit Namen begrüßt wurden – und hielten die Gold-Medaillen in den Händen – ertönte wieder ein Kanonenschuß – das Ende der Vogalonga 2015!

Sofort starteten gefühlt alle Wassertaxis und Vaporetti von Venedig – Wellen schlugen hoch, mit Mühe konnten wir wenden – vor allem weil uns jemand im Gewühl das Steuer ausgehängt hatte (nette Kanuten setzen es wieder ein) und machten uns auf den Rückweg: Ein kleines Stück den Canal Grande hoch, dann – zack – ganz schnell nach links in einen Nebenkanal abgebogen. Wunderbare Stille – aber nur wenige Sekunden! Plötzlich kamen von oben und unten Wassertaxis, wir mussten uns an die Mauer quetschen, die Skulls lang machen, damit uns nicht die Blätter abgefahren wurden. Das wiederholte sich noch ein paar Mal, dazwischen andere Ruderer und Kanuten und Wellen von allen Seiten. Am Bahnhof vorbei konnten wir schließlich die Stadt verlassen, fuhren unter dem Straßen- und Eisenbahndamm hindurch übers offene Wasser zurück nach Mestre, das wunderbare Venedig immer im Blick. Als wir gegen 16 Uhr ankamen, warteten die anderen schon seit Stunden – sie hatten nur eine ganz kurze Pause gemacht und waren so nicht in den Stau vor der Brücke gekommen.
Aber wir, wir wollten ja die Vogalonga – das „lange Rudern“! Eine unvergessliche Fahrt!

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